Open Source
Organisationsprinzipien
Ansätze zur Reifegradentwicklung des Open Source Managements
Der Reifegrad hinsichtlich des Managements von Open Source wird in Unternehmen häufig mit der zeitlichen Involvierung in Open Source Projekten und dem damit verbunden Lernprozess in Verbindung gebracht. Unternehmen, den es an Erfahrungen im Umgang mit Open Source fehlt, sollten sich dennoch bereits zu Beginn mit effektiven Methoden auseinandersetzen. Bei der Reifegradbewertung können verschiedene Perspektiven eingenommen werden: die Bewertung von Prozessen innerhalb der Community, der Organisation, oder auf Open Source Projektebene.
Community-Ebene – Open Source Software entsteht durch komplexe Wechselwirkungen zwischen sozialen und technischen Prozessen, die in einer vielfältigen und oft weltweit verteilten Community ablaufen. Um bestehende Open-Source-Projekte erfolgreich zu gestalten oder zu optimieren, ist es entscheidend, die Grundlagen gesunder und lebendiger Communities zu verstehen. Die Aktivitäten von Communities lassen sich beispielsweise durch die drei Kategorien: Verwaltung der Nutzerbasis, langfristige Nachhaltigkeit und interne/externe Kommunikation unterteilen1. Daraus abgeleitet können acht Felder zur Verbesserung von Aktivitäten beschrieben werden: Gemeinschaftsaktivität, Finanzmanagement, Offene Governance, Soziale Infrastruktur, Strategisches Management, Erreichbarkeit der Nutzer, Prozess- und Qualitätssicherung, Öffentlichkeitsarbeit.
Organisations-Ebene – Organisatorische Reifegradmodelle fokussieren die innerbetrieblichen Prozesse und Voraussetzungen hinsichtlich Open Source. Sowohl öffentliche Organisationen und Verwaltungen als auch Unternehmen sind in der Betrachtung eingeschlossen. Einzubeziehen sind bei der Bewertung der Adoption insbesondere (1) die Bereitschaft (basierend auf der Wahrnehmung der Organisation für OSS) bspw. auf Basis der Funktionsweise, Abhängigkeitsanalyse oder Einkaufsrichtlinien, (2) Benutzerfreundlichkeit (nach der Migration) durch bspw. Unterstützung, Wartung und Schulung, sowie (3) Nützlichkeit (Gewinn durch Migration) durch bspw. Total Cost of Ownership, Vermeiden von Daten- und Vendor-Lock-In2.
Projekt- bzw. Softwareentwicklungs-Ebene – Open Source Software wird häufig nicht nach den klassischen Entwicklungsansätzen entwickelt und weist insbesondere im Bereich der Softwaretests deutliche Unterschiede zu Closed Source Software auf. Während Closed Source Prozesse meist klar strukturiert sind, wirken Open Source Prozesse oft weniger formal und sind eher flexibler. Diese fehlende Struktur kann dazu führen, dass Testaktivitäten unvollständig durchgeführt werden oder Fehler später erkannt werden als bei geschlossener Software. Die Qualitätssicherung stellt somit eine größere Herausforderung dar. Eine Checklist von3 soll beispielsweise dabei unterstützen, die nützlichsten Techniken zum Testen von Software aufzulisten im Hinblick auf Sichtbarkeit des Codes, Systemanalyse und Produktgestaltung, Entwicklungsprozess, Systementwicklung und Community-Kreativität, Dokumentation und Verbreitung3.
Die Einführung eines effektiven Prozesses zur Steuerung von Open Source Strategien erfordert grundlegende Veränderungen der organisatorischen Prinzipien eines Unternehmens. Dabei gibt es keine generische Strategie, die für alle Situationen geeignet ist. Vielmehr müssen Unternehmen ihre individuelle Strategie basierend auf ihren spezifischen Motivationen entwickeln. Um diesen Prozess zu unterstützen, lassen sich vier zentrale Fragestellungen formulieren, die als Leitfaden für die Entwicklung von effektiven Open Source Prozessen genutzt werden können4.
Welche externe Quelle wird zur Einholung von OS-Lösungen genutzt?
Open-Source-Communities und -Projekte bieten Unternehmen innovative Lösungen und können als externe Bezugsquelle genutzt werden. Durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen Stakeholdern lassen sich Ressourcen teilen, Abhängigkeiten von Softwareanbietern durch Standardisierung reduzieren sowie Entwicklungsfähigkeiten und Expertise erweitern. Damit Unternehmen mit der richtigen Community zusammenarbeiten können, sollten sie zunächst definieren, welche Eigenschaften diese erfüllen muss. Falls bestehende Open Source Projekte nicht den Anforderungen entsprechen, besteht auch die Möglichkeit, neue Projekte zu initiieren oder eigene Communities aufzubauen.
Wie findet die Interaktion mit der externen OS-Quelle statt?
Open Source Lösungen sind für Unternehmen kostenlos verfügbar. Um jedoch die strategischen Vorteile von Open Source voll auszuschöpfen, sollten Firmen aktiv mit Konsortien oder Communities zusammenarbeiten. Der Grad der Beteiligung kann sich beispielsweise durch Mitgliedsstatus oder finanzielle Unterstützung ausdrücken. Diese Beteiligung ermöglicht es Unternehmen, Einfluss auf die Vision des Konsortiums oder einzelner Projekte zu nehmen. Sowohl technische als auch soziale Aspekte der Zusammenarbeit müssen bei der Planung der Interaktion berücksichtigt werden.
Wie werden OS-Lösungen im Unternehmen eingesetzt?
Open Source Komponenten können Geschäftsprozesse transformieren sowie das Produktangebot erweitern oder verbessern. Die strategische Verwaltung solcher Lösungen erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Innovations-, IT- und Beschaffungsmanagement. Einerseits sollten interne Bedarfe zentral gebündelt werden, um das Potenzial von Open Source umfassend bewerten zu können; andererseits müssen interne Kunden in den Entwicklungsprozess eingebunden werden, damit Projekte optimal an unternehmensspezifische Anforderungen angepasst werden.
Welcher Nutzen wird durch die Integration von OS erwartet?
Die Bewertung von Open Source Strategien erfolgt nicht allein anhand quantitativer Kostenersparnisse. Qualitative Faktoren spielen eine entscheidende Rolle: Konsortien betonen häufig Vorteile wie reduzierte Abhängigkeit von Softwareanbietern durch Standardisierung, gesteigerte Innovation und erhöhte Flexibilität.
Durch eine gezielte Beantwortung dieser Fragen kann ein Unternehmen eine individuelle Strategie entwickeln und durch die Adressierung der individuellen Zielstellungen des Unternehmens einen höheren Reifegrad hinsichtlich der Open Source Aktivitäten erlangen.
Literaturnachweise
[1] Andrade, S.; Saraiva, F.: Principled Evaluation of Strengths and Weaknesses in FLOSS Communities: A Systematic Mixed Methods Maturity Model Approach. In: Balaguer, F.; Di Cosmo, R.; Garrido, A.; Kon, F.; Robles, G.; Zacchiroli, S. (Hrsg.): Open Source Systems: Towards Robust Practices. Cham 2017.
[2] Koloniaris, S.; Kousiouris, G.; Anagnostopoulos, D.; Nikolaidou, M.; Tserpes, K.: Survey-based investigation, feature extraction and classification of Greek municipalities maturity for open source adoption and migration prospects. In: Journal of Systems and Software 158 (2019), S. 110431.
[3] Morasca, S.; Taibi, D.; Tosi, D.: OSS-TMM. In: Koch, S. (Hrsg.): Open Source Software Dynamics, Processes, and Applications 2013.
[4] Paffrath, F. N.; Brüggenolte, M.; Henke, M.: Integration von Open Source in Unternehmen außerhalb der Softwarebranche – Aktueller Stand und Herausforderungen. In: Zeitschrift für wirtschaftlichen Fabrikbetrieb 119 (2023) 12.
